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Ein Tag mit dem Jobfux in der Siedlungsschule Realschule plus Speyer

Dienstag, 17 März 2020

Speyer, 12.2.2020: Erzieherin, Altenpflegerin, Kauffrau im Büro oder Einzelhandel - für diese Berufe interessieren sich viele Mädchen der neunten Klasse. Fragt man die Jungs, so nennen sie häufig Kfz-Mechatroniker, Maler- und Lackierer, Groß- und Einzelhandelskaufmann oder Fachkraft Lager-/Logistik. Obwohl es in Deutschland über 300 Ausbildungsberufe gibt, sind den Schülern oft nur wenige bekannt. Genau da setzt ‚Jobfux‘ Stephan Brader an. Ich besuche heute die Siedlungsschule Realschule plus in Speyer, wo ich ihm einen Tag lang über die Schulter schauen darf.

Das Projekt ‚Jobfux‘ wird durch das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz aus arbeitsmarktpolitischen Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz sowie aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert und im Auftrag der Stadt Speyer durchgeführt. Darüber hinaus steuert die GABIS GmbH – Partner des VFBB e. V. im Unternehmensverbund – einen 30-prozentigen Eigenfinanzierungsanteil bei. Das Projekt unterstützt Schülerinnen und Schüler der abschlussnahen Jahrgänge der Berufsreifeklassen bei ihrem Übergang von der Schule zum Beruf, damit sie möglichst nahtlos in eine Ausbildung übergehen können. Mit Unterrichtsmodulen zur Kompetenzfeststellung und Berufsorientierung begleitet der ‚Jobfux‘ ebenso wie mit Bewerbungstraining und Praktikumsvermittlung, mit Einzelgesprächen und Elternabenden. Ziel ist die soziale und berufliche Integration der Schülerinnen und Schüler.

Stephan Brader ist Diplompädagoge, beim VFBB e. V. beschäftigt und seit 2016 als ‚Jobfux‘ an der Siedlungsschule im Einsatz. Im dritten Stock, Zimmer 303, direkt neben den Klassensälen der abschlussnahen Jahrgänge ist sein Büro, denn kurze Wege fördern die direkte Kommunikation. 121 Schülerinnen und Schüler betreut er im Schuljahr 2019/20 (Stand: 31.12.2019). Besonders für die Jugendlichen der Berufsreifeklassen soll mit seiner Unterstützung der direkte Übergang in eine Ausbildung ermöglicht werden.

7:30 Uhr: Der Schultag beginnt für den ‚Jobfux‘ im PC-Raum, wo er Vorbereitungen für die Doppelstunde zum Unterrichtsmodul Berufsorientierung trifft. Die Schüler*innen sollen heute in der digitalen Jobbörse der Arbeitsagentur passende Ausbildungsstellen recherchieren und sich darüber Inhalte und Anforderungen an ihr gewünschtes Berufsbild erschließen. Es ist eins von 17 Unterrichtsmodulen pro Schuljahr. Um 7:45 Uhr geht’s noch kurz ins Büro, E-Mails checken, Arbeitsblätter und Formulare richten.

8:00 Uhr: Nebenan sind die 22 Schülerinnen und Schüler der 9a angekommen und werden nun von ihren Lehrerinnen Maike Otto und Bettina Schmitt-Staub in den PC-Raum begleitet. Knapp ein Drittel der Jugendlichen haben besonderen Förderbedarf. Der ‚Jobfux‘ begrüßt die Schüler, erklärt die Aufgabe, teilt Anwesenheitslisten und Arbeitsblätter aus. Während die Schüler in der Jobbörse Ausbildungsstellen recherchieren und auf dem Arbeitsblatt Berufsbild, Voraussetzungen und Tätigkeiten beschreiben, geben alle drei Pädagogen den Schülern Tipps und beantworten Fragen. Alle Schüler*innen der 9. Klassenstufe lernen in Praktika Berufsbilder kennen – idealerweise in einem Betrieb, der auch ausbildet. „Der Chef hat gesagt, wenn ich meinen Abschluss schaffe, kann ich dort die Ausbildung machen.“ Das erzählt ein Schüler, der sein Praktikum bei einem Speyerer Malerbetrieb absolviert. Sein Tischnachbar erzählt vom Praktikum im Logistikunternehmen, für ihn gibt es dort gute Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Einem anderen Schüler gefällt die Arbeit beim Landschaftsgärtner gut, stolz zeigt er seinem Mitschüler Fotos angelegter Grundstücke. „Hauptsache mit Kindern arbeiten“ möchte eine Schülerin – sie sucht noch das passende Angebot. Gegen Ende der Schulstunde teilt der ‚Jobfux‘ wie immer Bewertungsbögen an die Schüler aus: „Ihr kennt das bereits: Bitte füllt den Bogen anonym aus und gebt ihn ab. Und das Arbeitsblatt heftet ihr bitte in eurem Berufswahlordner ab“, so Braders Aufforderung an die Schüler.

9:30 Uhr: Zurück im Büro und etwas Zeit für Dokumentation, Rückrufe, E-Mails.

10:00 Uhr: Ein Elternteil kommt zum Gespräch, um mit den Förderlehrern und dem ‚Jobfux‘ den weiteren Werdegang des Kindes mit besonderem Förderbedarf zu besprechen. Da die Gesprächspartner in ständiger Abstimmung stehen, kann das Elternteil auch heute die Handlungsempfehlung der Pädagogen fürs nächste Schuljahr nachvollziehen und erklärt sich einverstanden. Anschließend wird die neue Perspektive auch mit dem Schüler besprochen. Obwohl er lieber keine Veränderung möchte, lässt er sich ermutigen, es „einfach mal auszuprobieren“.

10:30 Uhr: Ein Schüler kommt zum vereinbarten Termin. Da sein Praktikumswechsel bevorsteht, hat er noch Fragen. Stephan Brader hat den Prozess begleitet, Gespräche mit Schüler, Eltern und Betrieb waren erforderlich. Er bespricht die weitere Vorgehensweise und gibt ihm mit auf den Weg: „Auch wenn du jetzt wechselst: Lass dir ein Praktikumszeugnis ausstellen, das ist wichtig für deine Unterlagen. Und komm bitte nächste Woche vorbei, erzähl mir, wie dein Start im neuen Betrieb war.“

Beim Jobfux steht die Bürotür immer offen. „Alle Schülerinnen und Schüler kennen mich ab der achten Klasse. Sie wissen, dass sie einfach kommen können, wenn sie Fragen haben. Manchmal kann ich die Antwort sofort geben, oft vereinbaren wir auch einen Termin.“

11:00 Uhr: Schon wieder stehen zwei Mädchen der 8. Klasse in der Tür und berichten ganz eifrig, dass sie im Kindergarten nach einem Praktikumsplatz gefragt haben. Eine schriftliche Bewerbung haben sie nicht abgegeben. „Wir sind einfach hingegangen, die Leiterin hat gesagt, das Blatt von der Schule reicht“, berichten sie. Geduldig hört der Jobfux zu und beantwortet ihre Fragen. Die beiden haben klare Berufswünsche, die sich zunächst auf emotionaler Ebene im „Spaß mit Kindern“ begründen. Wie das Berufsbild genau aussieht, dass die Ausbildung zur Erzieherin in Rheinland-Pfalz fünf Jahre dauert und vorwiegend in einer Fachschule stattfindet, wussten sie noch nicht. Für das zweiwöchige Schülerpraktikum der 8. Klassen sollen möglichst Betriebe gefunden werden, bei dem die Schüler*innen auch in der 9. Klasse zum Praktikum kommen können. Die Jugendlichen gewinnen Einblicke in Arbeitsabläufe und betriebliche Gepflogenheiten. Idealerweise wird darüber eine anschließende Ausbildung angebahnt. Der Jobfux unterstützt sowohl bei der Suche des Praktikumsplatzes, als auch bei der Vor- und Nachbereitung und beantwortet Fragen. Die Praktikumsbesuche im Betrieb übernehmen die Klassenlehrer. Was VFBB-Mitarbeiter Stephan Brader mitbringt, zeichnet ihn als ‚Jobfux‘ aus und ist für die Schüler von unschätzbarem Wert: Als gebürtiger Speyerer kennt er viele Ausbildungsbetriebe, meist sogar den Chef oder Ausbilder persönlich. Daher kann er oft sehr gut einschätzen, welcher ‚der richtige‘ Betrieb für den ein oder anderen Jugendlichen sein könnte. „Wenn ich in einem Betrieb anrufe, sehen die meine Nummer und wissen sofort, dass es um Praktikum oder Ausbildung geht. Die rufen mich zurück sobald sie Zeit haben“, erklärt er. Besonders für die Berufsreifeklassen steht nach dem Halbjahreszeugnis die Unterstützung bei der Betriebsakquise, die Begleitung des Praxistages sowie Erstellung der Bewerbungsunterlagen im Vordergrund. In den achten Klassen geht es zunächst darum, erste Neigungen festzustellen und die Teilnahme an „ready – steady – go“, dem jährlich stattfindenden Planspiel zur Berufsorientierung im Speyerer Rathaus vorzubereiten. 

11:30 Uhr: Sebastian Kruppa, Klassenlehrer der 9b, nimmt sich 10 Minuten Zeit, um mit mir über seine Zusammenarbeit mit dem ‚Jobfux‘ zu sprechen. „Wir arbeiten Hand in Hand“, sagt er. „Wenn wir im Deutschunterricht Bewerbungen schreiben, hatten die Schüler vorher schon Unterrichtsmodule zum Bewerbungstraining beim ‚Jobfux‘. „Meine Kollegen und ich stimmen uns auf direktem Weg mit Stephan Brader ab.“ Kruppa war lange in Bayern beschäftigt, wo Lehrer die gesamte Berufsorientierung selbst leisten müssen. „Das ist ein enormer Aufwand: Kompetenzen feststellen, Pratikumsstellen suchen, Einzelgespräche führen, Eltern informieren, dokumentieren, etc. und das alles neben dem Unterricht“, sagt er. „Ich weiß deshalb sehr zu schätzen, was der ‚Jobfux‘ leistet.“

Auf meine Frage, ob jedes Schuljahr für alle Jugendlichen ein Praktikumsplatz gefunden werden könne, antwortet er: „Stephan Brader findet für jeden einen Platz. Er ist wirklich an der Entwicklung der Kinder interessiert, nutzt seine gesamten persönlichen Kontakte zu Betrieben, die er sich über Jahrzehnte aufgebaut hat, um Praktikumsplätze zu finden. Allein diese Vernetzung ist für die Schule viel wert. Wenn es mal scheitert, dann am fehlenden Willen eines Schülers. “Sebastian Kruppa hat vor dem Lehramt eine Schreinerlehre und Technikerausbildung absolviert und selbst Jugendliche ausgebildet. „Wenn ich den Schülern aus der Schreinerwerkstatt erzähle, dann hören sie zu, weil es für sie authentisch ist. Aber man ist einfach nicht mehr so nah dran, je länger man im Schuldienst ist. Für die Schule ist es sehr gut, einen ‚Jobfux‘ zu haben.“ 

11:45 Uhr: Zurück im ‚Jobfux‘-Büro.  

13:00 Uhr: Nach der Mittagspause ist etwas Zeit, einige Fragen zu stellen. 
Gibt es ein Erfolgsrezept im Umgang mit Schülern? „Ja, das gibt es: Man muss eine Vertrauensbasis aufbauen, Humor ist auch wichtig“, so Brader. Man müsse die Schülern ernst nehmen aber auch miteinander Blödsinn machen können. Sein Verhältnis zu den Jugendlichen sei ‚leicht angekumpelt‘, erklärt der Pädagoge und lacht. 

Was gefällt dem ‚Jobfux‘ am besten im Job?
„Ich begleite junge Menschen ins Leben, der Übergang von der Schule zum Beruf ist schließlich eine wichtige Lebensphase: Der entscheidende Sprung in eine selbständige und existenzsichere Zukunft. Spannend ist, dass man an ganz vielen Stellschräubchen drehen kann, um diesen Prozess positiv zu begleiten. Ich arbeite auf vielen Ebenen: mit Schülern im Unterricht und Einzelterminen, im Austausch mit dem Lehrerkollegium, mit Eltern in berufsvorbereitenden Elternabenden ebenso wie mit Arbeitgebern innerhalb eines betrieblichen Netzwerks. Darüber hinaus bewege ich mich in einer Struktur von Beratungs- und Fördermöglichkeiten, an die ich verweisen kann, wenn es erforderlich ist. Es ist eine verantwortungsvolle und vielschichtige Arbeit.“ Laut Brader zeigt sich die Arbeit an Ressourcen und Potenzialen der Jugendlichen selbst für erfahrene Pädagogen gelegentlich ganz unverhofft, was das Beispiel einer Schülerin beweist: Nach drei Praktikumsversuchen  und vielen Bemühungen, ihre Stärken zu entdecken, bekam sie schließlich im vierten Betrieb – einem  Seniorenheim – derart gute Rückmeldungen  und schon nach kurzer Zeit völlig überraschend eine Ausbildungszusage in der Altenpflege. „Manchmal muss man sich einfach langsam herantasten. Wenn sich mein Einsatz positiv und nachhaltig auf die berufliche Entwicklung der Schüler auswirkt, bin ich zufrieden.“ 

Gibt es Ideen, die über das Konzept hinausgehen?
„Die gibt es durchaus, beispielsweise möchte ich noch mehr externe Berater mit in die Berufsorientierung einbeziehen und Kooperationen nutzen. Vieles trifft an der Schule auf Zustimmung. Manches ist aber noch in Vorbereitung, also noch nicht spruchreif.“ 

Was gefällt dem ‚Jobfux‘ nicht?
„Dokumentation und Verwaltung ist nicht gerade meine Lieblingsdisziplin – muss aber auch sein. Und manchmal stimmt es mich traurig, wenn ich beobachte, dass die beruflichen Ansprüche am Arbeitsmarkt immer höher werden, was gleichzeitig die Beschäftigungsmöglichkeiten für bildungsferne Menschen deutlich reduziert. Die Förderung benachteiligter Schüler*innen ist heute notwendiger denn je. Gut ist, dass die Stadt Speyer diesem Bedarf nachkommt und den ‚Jobfux‘ einsetzt. So werden Landes- und ESF-Fördermittel sinnvoll zur Unterstützung benachteiligter Jugendlicher eingesetzt, was deren Chancen am Ausbildungsmarkt deutlich erhöht.“

Ich bedanke mich für den aufschlussreichen Tag. (Text: Beate Sitzenstuhl, VFBB e. V.)                       

Das Projekt ‚Jobfux‘ wird durch das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz aus arbeitsmarktpolitischen Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert.                                                

farbig linksESF Logo RLPWBM MdSoziales 6314 f 01

 

 

 

 

Durchführung im Auftrag der Stadt Speyer.  

Stadt Speyer                                            

 

 

 

 

Die GABIS GmbH trägt den 30-prozentigen Eigenfinanzierungsanteil.

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'Jobfux' Stephan Brader in der Siedlungsschule Realschule Plus Speyer
'Jobfux' Stephan Brader in der Siedlungsschule Realschule Plus Speyer
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